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Flachdichtungen: Arten, Werkstoffe und die richtige Auswahl
Die Dichtung ist das kleinste und oft billigste Bauteil der Flanschverbindung – und entscheidet doch darüber, ob die Anlage dicht ist. Diese Seite erklärt, wie eine Flachdichtung wirklich funktioniert, welche Werkstofffamilien es von Faserstoff über Graphit bis Glimmer gibt, welche Normen die Maße regeln und nach welchen Kriterien Sie die passende Dichtung auswählen.
- Familien
- Weichstoff · Metall-Weichstoff · Metall
- Funktionsprinzip
- Flächenpressung
- Maßnormen
- EN 1514-1 · DIN 2690 · ASME B16.20/21
- Temperaturspektrum
- −200 bis 900 °C (Gesamtspektrum aller Familien)
Funktionsprinzip: Die Dichtung lebt von der Flächenpressung
Eine Flanschverbindung wird nicht durch die Dichtung allein dicht, sondern durch das Zusammenspiel von Dichtung, Flanschen und Schrauben. Die Schraubenkraft erzeugt auf der Dichtfläche eine Flächenpressung (angegeben in MPa bzw. N/mm²) – sie presst den Dichtungswerkstoff in die Unebenheiten der Dichtflächen (gegen die Oberflächenleckage) und verdichtet seine inneren Poren (gegen die Querschnittsleckage). Fällt die Pressung im Betrieb unter das nötige Minimum – durch Setzen der Dichtung, Kriechen des Werkstoffs oder nachlassende Schraubenkraft – wird die Verbindung undicht; im Extremfall bläst die Dichtung aus.
Wichtig für realistische Erwartungen: Absolute Dichtheit gibt es nicht – bewertet wird „technische Dichtheit" nach festgelegten Leckagekriterien. Die VDI-Richtlinie 2200 behandelt Auswahl, Auslegung, Gestaltung und Montage dichter Flanschverbindungen; für die Bewertung der technischen Dichtheit im Zusammenhang mit den Emissionsanforderungen der TA Luft ist insbesondere VDI 2290 maßgeblich. Ausgewählt wird immer eine Dichtung, die das geforderte Kriterium unter den Betriebsbedingungen sicher einhält. Flachdichtungen arbeiten dabei im Krafthauptschluss: Die gesamte Schraubenkraft läuft durch die Dichtung, ihre Pressung ändert sich mit jeder Änderung der Schraubenlast – anders als etwa beim O-Ring in der Nut (Kraftnebenschluss).
Die drei Dichtungsfamilien
Nach Aufbau und Einsatzbereich lassen sich Flanschdichtungen in drei Familien ordnen:
- Weichstoffdichtungen – der Standard für die allermeisten Verbindungen bis mittlere Drücke: Faserstoffplatten (Kurzzeichen FA; Fasern, Elastomer-Bindung und Füllstoffe – z. B. KLINGERSIL-Qualitäten oder die SH-D-200 aus unserem Shop-Sortiment), Graphit (GR; bis in hohe Temperaturen, mehr dazu auf der Detailseite Graphitdichtungen), PTFE (TF; universelle chemische Beständigkeit), Glimmer (Hochtemperatur bis 900 °C) und Gummi-Stahl-Dichtungen (Elastomerprofil mit einvulkanisiertem Stahlring, Standard in der Wasserversorgung).
- Metall-Weichstoff-Verbunddichtungen – für hohe Drücke und Temperaturen sowie wechselnde Bedingungen: Spiraldichtungen (spiralig gewickeltes Metallband mit Weichstoff-Füllung, nach ASME B16.20 mit Farbcode für Wickelmetall und Füllstoff), Kammprofildichtungen (gerillter Metallkern mit Weichstoffauflagen) und metallummantelte Dichtungen – im Detail auf der Seite Spiral-, Kammprofil- und RTJ-Dichtungen.
- Metallische Dichtungen – Ring-Joint-Dichtungen (RTJ, Typen R/RX/BX nach ASME B16.20/API 6A) für Höchstdruck in Öl- und Gasanwendungen, eingelegt in die Ringnut spezieller RTJ-Flansche.
Maße und Formen: EN 1514-1, DIN 2690 und die Dichtflächen
Die Abmessungen von Flanschdichtungen im EN-System regelt DIN EN 1514-1. Ihre Formen korrespondieren direkt mit den Dichtflächenformen der Flansche nach DIN EN 1092-1:
| Flansch DIN EN 1092-1 | Dichtung EN 1514-1 | Charakter |
|---|---|---|
| Form A (glatt) | Form FF (Full Face) | ganze Flanschfläche – große Fläche, niedrige Pressung, dichtungstechnisch ungünstig |
| Form B (Dichtleiste) | Form IBC (Inner Bolt Circle) | Standardfall – Ring innerhalb des Lochkreises, zentriert sich an den Schrauben |
| Form C/D (Feder/Nut) | Form TG | gekammert – erhöhte Pressung, gilt als ausblassicher, Wechsel aufwendiger |
| Form E/F (Vor-/Rücksprung) | Form SR | gekammert – wie TG |
Die aktuellen Maße führt unsere Seite Flachdichtungen nach DIN EN 1514-1. Die DIN 2690 (Flachdichtungen für Flansche mit ebener Dichtfläche) ist zurückgezogen, in Bestandsanlagen und Bestellungen aber weiter allgegenwärtig – ihre Maße sind in EN 1514-1 Form IBC aufgegangen; zur Identifikation dient die Seite Flachdichtungen DIN 2690 (Bestandsanlagen). Für das ASME-System gelten ASME B16.21 (nichtmetallische Flachdichtungen) und ASME B16.20 (Spiral-, metallummantelte und RTJ-Dichtungen) – relevant für Export und Anlagen nach US-Standard, passend zu unseren ASME-Flanschmaßen.
Auswahlkriterien: vier Faktoren entscheiden
- Medium: chemische Verträglichkeit (Korrosion, Quellung), Toxizität und Reinheitsanforderungen – toxische oder explosive Medien verlangen dichtere, ausblassichere Bauformen (z. B. Spiraldichtung oder gekammerte Einbausituation) statt der günstigsten Flachdichtung.
- Temperatur und Druck: höchste und niedrigste Betriebswerte inklusive Prüfdruck; der Werkstoff darf weder verspröden noch kriechen. Faustwerte liefert die Temperaturleiter oben – die Grenzen sind Systemwerte aus Druck und Temperatur.
- Flansch und Schrauben: Dichtflächenform (glatt, Dichtleiste, gekammert), Oberflächengüte (raue Flächen brauchen anpassungsfähigere Dichtungen) und die verfügbare Schraubenkraft – die Dichtung muss sich damit verpressen lassen, ohne zerquetscht zu werden.
- Regelwerk: TA-Luft-Anforderungen an fugitive Emissionen, DVGW/KTW für Gas und Trinkwasser, Fire-Safe-Anforderungen – solche Vorgaben schränken die Werkstoffwahl oft stärker ein als die Betriebsdaten.
Und eine Regel vorweg, die teure Ausfälle verhindert: Dichtungen sind Einwegteile. Einmal verpresst, haben sie ihre Anpassungsfähigkeit verbraucht – bei jeder Demontage wird erneuert.
Montage: Hier entstehen die meisten Probleme
Der Großteil aller Schäden an Flachdichtungen geht nicht auf den Werkstoff zurück, sondern auf die Montage. Die Kurzfassung der bewährten Regeln: Dichtflächen reinigen und prüfen, Flansche parallel ausrichten, Dichtung zentriert und trocken einlegen (niemals einfetten – Fett gehört ausschließlich auf Schrauben und Muttern), Schrauben schmieren und über Kreuz in Stufen anziehen (von Hand, dann ca. 30 %, 60–70 % und 100 % des Moments, abschließend eine Kontrollrunde reihum), nachgezogen wird nur kalt. Dünne Dichtungen (Standard 2,0 mm) dichten besser als dicke, doppelt gelegte Dichtungen sind tabu. Den vollständigen Ablauf mit Schadensbildern und Verschraubungswissen vertieft die Seite Montage & Verschraubung; die Anzieh-Reihenfolgen je Lochbild zeigt Flanschverbindung montieren.
Häufige Fragen zu Flachdichtungen
Wie funktioniert eine Flachdichtung?
Die Dichtung lebt von der Flächenpressung: Die Schraubenkraft presst den Dichtungswerkstoff so auf die Dichtflächen, dass er sich an deren Unebenheiten anpasst (gegen Oberflächenleckage) und seine inneren Poren verdichtet werden (gegen Querschnittsleckage). Absolute Dichtheit gibt es dabei nicht – bewertet wird „technische Dichtheit“ nach festgelegten Kriterien (Auslegung und Montage: VDI 2200; Bewertung im TA-Luft-Kontext: VDI 2290). Fällt die Flächenpressung im Betrieb zu weit ab, wird die Verbindung undicht oder die Dichtung kann ausblasen.
Welche Dichtungsarten gibt es für Flanschverbindungen?
Drei Familien: Weichstoffdichtungen (Faserstoff, Graphit, PTFE, Glimmer, Gummi-Stahl) für den Großteil der Anwendungen bis mittlere Drücke; Metall-Weichstoff-Verbunddichtungen (Spiraldichtungen, Kammprofildichtungen, metallummantelte Dichtungen) für hohe Drücke, hohe Temperaturen und wechselnde Betriebsbedingungen; und rein metallische Dichtungen (Ring-Joint/RTJ) für Höchstdruckanwendungen etwa in der Öl- und Gasindustrie.
Welche Dichtung passt zu welcher Temperatur?
Als grobe Temperaturleiter für Weichstoffdichtungen: Elastomer/Gummi-Stahl bis etwa 80 °C, Standard-Faserstoffqualitäten bis etwa 150 °C, hochwertige Faserstoffe und PTFE bis etwa 250 °C, Graphit bis etwa 450–550 °C (in oxidierender Atmosphäre konservativ 350–400 °C) und Glimmer bis 900 °C. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel mit Druck und Medium – die Grenzwerte sind Systemwerte, keine reinen Werkstoffkennwerte.
Welche Normen gelten für Flachdichtungsmaße?
Die aktuellen Abmessungen für Flanschdichtungen im EN-System stehen in DIN EN 1514-1 (Form FF für die ganze Flanschfläche, Form IBC innerhalb des Lochkreises als Standardfall). Die zurückgezogene DIN 2690 ist in Bestandsanlagen weiter verbreitet und maßlich in EN 1514-1 aufgegangen. Für das ASME-System gelten ASME B16.21 (nichtmetallische Flachdichtungen) und ASME B16.20 (Metall- und Verbunddichtungen wie Spiral- und RTJ-Dichtungen).
Warum darf man Dichtungen nicht wiederverwenden?
Eine Flachdichtung nimmt beim ersten Verpressen eine bleibende Verformung an – genau das macht sie dicht. Beim erneuten Einbau fehlt ihr die Rückfederung und Anpassungsfähigkeit, um die Dichtflächen wieder auszufüllen; die Verbindung wird undicht oder fällt beim Anfahren aus. Dichtungen sind deshalb Einwegteile: bei jeder Demontage erneuern, ebenso wie stark belastete Schrauben bei kritischen Verbindungen.
Was sind die häufigsten Fehler bei der Dichtungsmontage?
Der Großteil aller Flachdichtungsprobleme entsteht bei der Montage: Dichtflächen nicht gereinigt oder beschädigt, Flansche nicht parallel ausgerichtet, Dichtung außermittig, Dichtung eingefettet (Fett gehört nur auf Schrauben und Muttern, niemals auf die Dichtung), Schrauben ungeschmiert oder nicht über Kreuz in Stufen angezogen, warmes Nachziehen und die Wiederverwendung gebrauchter Dichtungen. Der bewährte Ablauf steht in unserer Montage-Anleitung für Flanschverbindungen.
Vertiefung und Sortiment
Vier Detailseiten vertiefen die Themen. Flachdichtungen führen wir ab Lager, Zuschnitte und Sonderwerkstoffe auf Anfrage.
Detailseite
Graphitdichtungen
Aufbau, Oxidationsgrenze, chemische Beständigkeit und Kennwerte.
Detailseite
Spiral-, Kammprofil- & RTJ
Metall- und Verbunddichtungen nach ASME B16.20 und API 6A inkl. Farbcode.
Detailseite
Montage & Verschraubung
7-Schritte-Ablauf, Schrauben und typische Schadensbilder.
Maßtabelle
Flachdichtungen EN 1514-1
Aktuelle d1/d2-Maße Form IBC – für Bestandsanlagen: DIN 2690.
Fachliche Grundlage: freigegebene Partnerunterlagen von KLINGER (Schulung Flachdichtungen 2018, Information 70.1.1, Datenblätter; Tabellen und Bilder mit Freigabe), Hormuth (SH-D-200) und SGL Carbon (SIGRAFLEX) sowie Normfakten zu DIN EN 1514-1, DIN 2690, VDI 2200/2290 und ASME B16.20/21; Maßdaten aus eigener Datenschicht (gegen KLINGER 70.1.1 verifiziert). Angaben ohne Gewähr – maßgeblich sind die aktuellen Normen und die technischen Unterlagen der Hersteller. Fachlich geprüft und freigegeben: Juli 2026; berücksichtigter Normen- und Herstellerstand: Juli 2026.