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Norm-Ratgeber · Grundlagen

Toleranzen und Grenzabmaße: warum es sie gibt und wie man sie liest

Auf unseren Bauteilseiten steht zu jedem Maß, welchen Bereich die Norm zulässt. Diese Seite erklärt die Ebene darunter: warum es diese Bereiche überhaupt gibt, wie eine Zahl in eine Norm kommt – und warum „kein Grenzwert“ in einer Norm drei verschiedene Dinge bedeuten kann. Tabellenwerte stehen hier keine. Die gehören an das Teil, um das es geht.

Warum kein Maß ohne Bereich auskommt

Ein Rohrbogen mit dem Außendurchmesser 114,3 mm hat nie genau 114,3 mm. Kein Fertigungsverfahren trifft eine Zahl; Werkzeuge nutzen sich ab, Werkstoffe federn zurück, Wärme dehnt. Das ist kein Mangel, sondern der Normalfall – und genau deshalb muss eine Norm sagen, wie weit die Wirklichkeit von der Zahl abweichen darf.

Ein Maß ohne Grenze wäre gleich doppelt unbrauchbar: nicht bestellbar, weil der Hersteller nicht weiß, was er treffen muss, und nicht prüfbar, weil die Prüfstelle nicht weiß, was sie durchgehen lassen darf. Die Grenze ist also nicht die Einschränkung einer Zusage, sie ist die Zusage.

Der zweite Grund ist die Austauschbarkeit. Ein Formstück trifft beim Einschweißen auf ein Rohr, das nach einer anderen Norm gefertigt wurde. Damit die beiden zusammenpassen, ohne dass jemand sie vorher aneinander anpasst, müssen beide Normen am Stoß dieselbe Elle anlegen – und genau das tun sie.

Begriffe

Vier Wörter, die ständig durcheinandergehen

Im Betrieb heißt alles „Toleranz“. Fachsprachlich sind es vier verschiedene Dinge, und der Unterschied wird wichtig, sobald jemand rechnet:

Nennmaß, Grenzabmaß, Grenzmaße und Toleranz im Vergleich
WortWas es bezeichnetBeispiel
Nennmaßdie Zahl, die bestellt und gezeichnet wird114,3 mm
Grenzabmaßdie zulässige Abweichung vom Nennmaß, mit Vorzeichen−1 % / +1 %
Grenzmaßedie beiden Maße selbst, die noch zulässig sind113,16 bis 115,44 mm
Toleranzder Abstand zwischen den beiden Grenzmaßen2,28 mm

Warum wir Grenzmaße anzeigen und nicht Grenzabmaße: weil niemand am Messschieber ein Abmaß ablesen kann. Wer misst, hat eine Zahl und will wissen, ob sie zwischen zwei anderen liegt – nicht, ob eine Differenz, die er erst bilden muss, in einem Intervall liegt, das er ebenfalls erst bilden muss. In der Zeichnung steht trotzdem kurz „Toleranz“: das ist das Wort, das jeder benutzt, und auf einem Blatt ist Platz kostbar.

Herkunft

Wie eine Zahl in die Norm kommt

Eine Grenze ist immer eine Abwägung zwischen zwei Kosten: eine enge Toleranz macht die Fertigung teuer, eine weite macht den Einbau teuer. Der Normenausschuss legt sie dorthin, wo die übliche Fertigung sie ohne Sonderaufwand hält und der übliche Einbau sie ohne Nacharbeit verträgt.

Warum große Teile Prozent bekommen und kleine Millimeter. Eine feste Millimetergrenze wäre bei ⌀ 21,3 großzügig und bei ⌀ 1219 unerreichbar – die Fertigungsabweichung wächst mit dem Teil. Deshalb steht in DIN EN 10253 für den Außendurchmesser eine dreiteilige Regel:

  • ±1 % des Nennmaßes – die eigentliche Aussage,
  • mindestens ±0,5 mm – sonst würde die Prozentregel bei kleinen Durchmessern unter das fallen, was messbar und fertigbar ist,
  • höchstens ±5 mm – sonst würde sie bei großen Durchmessern Spalte zulassen, die keine Schweißnaht mehr überbrückt.

Diese drei Zeilen sind kein Formelkram, sondern drei verschiedene Sorgen, die nacheinander abgearbeitet werden. Wer das einmal gesehen hat, liest jede ähnliche Regel schneller.

Systematik

Die Arten, eine Grenze zu setzen

Eine Toleranz ist nicht immer eine Zahl. Wir haben die Grenzabmaße unserer Bauteile durchgesehen, und dabei sind mehrere verschiedene Arten zusammengekommen, auf die eine Norm eine Grenze setzt:

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Die 13 Arten, auf die eine Norm eine Grenze setzt – mit der Zahl der Regelzeilen in unserer Datenschicht
ArtWas sie bedeutetBeispielRegeln
symmetrischgleiche Abweichung nach oben und untendie Baulänge eines Formstücks67
unsymmetrischungleich nach oben und unten – meist, weil nur eine Richtung trägtdie Wanddicke, deren unteres Grenzabmaß über den Innendruck entscheidet78
anteiligdie Abweichung ist ein Anteil des Nennmaßesder Außendurchmesser am Anschweißende25
Obergrenzenur nach einer Seite begrenztdie Rundheitsabweichung37
relative Grenzedie Grenze ist ein Anteil einer anderen Größeder Innendurchmesser an der engsten Stelle, bezogen auf den Anschluss11
Bereichabsolute Unter- und Obergrenze, ohne Nennmaßder Fasenwinkel am Anschweißende7
Vielfachesdie Grenze ist ein Vielfaches eines anderen Maßesdie Länge einer Welle am Bogenrücken3
Winkeleine Grenze, die als Winkel angegeben istdie Neigung einer Dichtfläche2
in Worteneine Festlegung ohne Zahldie Enden müssen frei von gefährlichen Graten sein4
Allgemeintoleranzkein eigener Wert – es gilt die allgemeine Toleranz der NormMaße ohne eigene Eintragung1
enthaltenkein eigener Grenzwert – und trotzdem begrenzt, weil ein anderes Maß die Grenze mitziehtdie Rundheit an kleinen Durchmessern: größter und kleinster Durchmesser müssen jeder für sich im Durchmesser-Grenzabmaß liegen11
Vereinbarungdie Norm verweist ausdrücklich auf die Bestellungdie Fugenform bei sehr dicker Wand8
entfälltes gibt bewusst keine Grenzedie Wanddicke am Formstückkörper nach oben – mehr Wand verschlechtert dort nichts4

Gezählt am gesamten Regelbestand: 258 Regelzeilen für Formstücke und Flansche, gebaut aus der Datenschicht – diese Tabelle wird nicht von Hand gepflegt.

Die drei hervorgehobenen sind der Grund für diese Seite. „Kein Grenzwert“ heißt in einer Norm dreierlei Verschiedenes, und diese drei Fälle werden täglich verwechselt:

  • Enthalten heißt: die Grenze steht woanders. Unter ⌀ 273 nennt DIN EN 10253 für die Rundheit keinen eigenen Wert – aber größter und kleinster Durchmesser müssen jeder für sich im Durchmesser-Grenzabmaß liegen, und das begrenzt ihre Differenz von selbst. Wer hier „keine Vorgabe“ liest, liest falsch.
  • Vereinbarung heißt: die Norm hält den Fall für zu verschieden, um ihn zu regeln, und schiebt ihn ausdrücklich in die Bestellung. Wer hier nichts vereinbart, bekommt, was der Hersteller für richtig hält – normgerecht.
  • Entfällt heißt: es gibt die Grenze nicht, und das ist eine Entscheidung. Am Formstückkörper ist die Wanddicke nach oben nicht begrenzt, weil eine dickere Wand dort nichts verschlechtert – sie trägt mehr. Nach unten ist sie sehr wohl begrenzt.
Messorte

Warum am Anschweißende strenger gemessen wird als am Körper

Fast alle Formstücknormen trennen zwei Orte: das Anschweißende und den Körper. Am Ende gelten die engen Grenzen, am Körper die weiten oder gar keine. Der Grund ist einfach: am Ende wird geschweißt. Dort trifft das Formstück auf ein Rohr, und dort entscheidet sich, ob die Fuge pass. Am Körper berührt das Teil niemanden.

Deshalb sagen die Rohrnormen der Reihe EN 10216 für den Außendurchmesser denselben Satz wie die Formstücknorm, Wort für Wort. Das ist kein Zufall, sondern Absicht – was am Stoß zusammenkommt, muss zusammenpassen.

Praxis

Was das im Wareneingang heißt

  • Messen, wo die Norm misst. Ein am Körper gemessener Durchmesser gegen ein Grenzabmaß für das Ende gehalten ergibt eine Beanstandung, die keine ist.
  • Die Rundheit braucht zwei Messungen im selben Querschnitt – größter und kleinster Außendurchmesser. Ein Wert allein sagt dazu nichts.
  • Bei der Wanddicke ist das untere Grenzabmaß das tragende. Es entscheidet über den zulässigen Innendruck; nach oben ist mehr Wand kein Mangel.
  • Ein unverbindlicher Normwert ist keine Zusage. Er ist eine Lösung, nicht die Lösung – maßgeblich ist der Nachweis, den die Norm dafür vorsieht.
Weiterlesen

Wo die Grenzabmaße unserer Teile stehen

Zu jeder Größe, mit bemaßter Zeichnung und dem zulässigen Bereich zu jedem Maß: