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Praxis-Ratgeber · Identifikation

Kennzeichnung auf Flanschen und Rohren lesen

Drucktragende Bauteile tragen in der Regel eine Kennzeichnung: geschlagen, gegossen, geätzt oder aufgedruckt – Art und Umfang richten sich nach Produktnorm, Bauteilgröße und Lieferform; die Angaben können auch auf einem Anhänger oder der Verpackung stehen. Wer die Kennzeichnung lesen kann, erfährt Hersteller, Werkstoff, Norm und – über die Schmelzennummer – den Weg zurück bis zur Stahlschmelze und zum Werkszeugnis. Diese Seite erklärt, wie das geht.

Schlüssel
Schmelzennummer
Normsysteme
DN/PN (EN) · NPS/Class (ASME)
Herstellungsart
S (nahtlos) / W (geschweißt)
Ziel
Teil ↔ Zeugnis

Das Bauteil erzählt seine Geschichte – wenn man es lesen kann

Die Kennzeichnung ist keine Formalie: Im Wareneingang, bei der Lagerinventur und vor allem bei Altteilen ohne Papiere ist die Stempelung oft die einzige belastbare Informationsquelle. Über die Schmelzennummer führt sie zurück bis zur Stahlschmelze und zum Werkszeugnis nach DIN EN 10204.

Bausteine

Was typischerweise auf dem Teil steht

Die genauen Pflichtangaben regelt die jeweilige Produktnorm; in der Praxis findet man meist diese Bausteine:

Typische Bausteine der Kennzeichnung auf drucktragenden Bauteilen
BausteinBeispielhafte FormBedeutung
HerstellerzeichenLogo, Kürzel oder Werksnamewer gefertigt hat
Werkstoffz. B. P235GH, 1.4571, A105Werkstoffgüte nach Norm
SchmelzennummerBuchstaben-Zahlen-KombinationVerbindung zu Charge und Zeugnis
Norm/Spezifikationz. B. DIN EN 10253-2, DIN EN 1092-1, ASTM/ASME-BezeichnungProdukt-/Werkstoffnorm
AbmessungDN/PN (europäisch) bzw. NPS/Class (amerikanisch), bei Rohr AD × Wanddicke oder NPS × ScheduleBaugröße und Druckstufe
Herstellungsartz. B. S (nahtlos), W bzw. E/L (geschweißt)Fertigungsverfahren
ZusatzangabenWärmebehandlungscode, Prüfdruck, Los-/Positionsnummern; CE-Kennzeichnung nur, sofern für das konkrete Produkt nach anwendbarem EU-Recht vorgesehennormabhängig
AbnahmestempelPrüferstempel/Zeichen einer AbnahmegesellschaftBezeugung durch Dritte (z. B. bei 3.2-Abnahme)

Ein Lesebeispiel (fiktiv, zur Illustration): Ein Vorschweißflansch mit der Stempelung [Herstellerkürzel] DN100 PN16 DIN EN 1092-1 P250GH H4711 … verrät Baugröße und Druckstufe (DN 100, PN 16), die Flanschnorm, den Werkstoff und mit „H4711“ die Schmelzennummer, unter der das Zeugnis zu finden ist.

Europäisch vs. amerikanisch: DN/PN-Angaben deuten auf das EN-Normenwerk, NPS („Zoll“) mit Class-Angabe (150, 300, 600 …) und Schedule-Wanddicken auf ASME/ASTM. Diese Unterscheidung ist der erste und wichtigste Schritt jeder Identifikation, denn sie entscheidet, in welchem Normenwerk man weitersucht – die Systeme sind nicht einfach umrechenbar.

Aufbringung

Wie die Kennzeichnung aufgebracht wird

  • Schablonier-/Farbaufdruck: Standard bei Rohren; muss über Transport und Lagerung lesbar bleiben.
  • Schlagstempelung: dauerhaft, üblich an Flanschen, Formstücken und Rohrenden bzw. dickwandiger Ware. Bei dünnwandigen Teilen und bestimmten Werkstoffen/Einsatzfällen ist harte Schlagstempelung wegen Kerbwirkung problematisch bzw. unzulässig.
  • Gussmarkierung: bei gegossenen Teilen erhaben mitgegossen.
  • Etiketten/Anhänger: bei gebündelter Kleinware; im Lager die fragilste Variante – löst sich das Etikett, ist die Zuordnung weg.
Stahl-T-Stücke im Regal mit eingestempelter Kennzeichnung des Werkstoffs am Formstückkörper
Schlagstempelung in der Praxis: Bei diesen Stahl-T-Stücken ist die Kennzeichnung mit Herstellerzeichen und Werkstoff dauerhaft am Körper eingestempelt. Bild: Zickwolff-Lager
Vom Teil zum Papier

Von der Kennzeichnung zur Norm und zum Zeugnis

Der Weg vom gestempelten Teil zum Papier läuft immer über dieselbe Kette:

  1. Kennzeichnung vollständig aufnehmen – am besten fotografieren, auch schwach lesbare Bereiche (Streiflicht und Makroaufnahme zuerst). Hilfsmittel wie Kreide oder Bleistift-Abrieb nur nach Freigabe und geprüfter Werkstoffverträglichkeit einsetzen – in Edelstahl-, Sauerstoff- und Reinstanwendungen können Rückstände Kontaminationsrisiken verursachen. Nicht schleifen oder nachschlagen – das zerstört im Zweifel genau die Information, die man braucht.
  2. Normsystem bestimmen (DN/PN ↔ EN oder NPS/Class ↔ ASME) und die Produktnorm identifizieren.
  3. Werkstoffgüte zuordnen – ggf. inklusive Alt-Bezeichnungen: Viele Lagerbestände tragen noch alte deutsche Kurznamen (z. B. St 35.8 für heutiges P235GH), die auf aktuelle EN-Bezeichnungen zu übersetzen sind.
  4. Schmelzennummer isolieren – sie ist der Schlüssel: Mit ihr (und idealerweise einem Auftragsbezug) lässt sich das zugehörige Werkszeugnis in der Dokumentation des Lieferanten finden.
  5. Abgleich Papier ↔ Teil: Liegt ein Zeugnis vor, muss die Schmelzennummer auf dem Teil mit der im Zeugnis übereinstimmen – erst dann gehören beide nachweislich zusammen.

Ein Warnzeichen verdient besondere Aufmerksamkeit: fehlende oder offensichtlich entfernte Kennzeichnung. Wird ein Teil geteilt oder bearbeitet, muss die Kennzeichnung vor dem Entfernen der Originalmarkierung übertragen werden (bei uns als TÜV-Süd-zertifiziertes Umstempeln nach Druckgeräterichtlinie). Fehlt dieser Schritt, reißt die Rückverfolgbarkeit ab – ein häufiger Mangel bei unsachgemäß angearbeiteter Ware aus unklarer Herkunft.

Grenzen

Grenzen der Kennzeichnung

  • Die Stempelung belegt, was auf dem Teil steht – nicht, dass es stimmt. Bei Verdacht (Graumarktware, unplausible Kombinationen) schafft eine PMI-Messung (XRF/OES) Klarheit über die tatsächliche Legierung.
  • Nicht jedes Teil trägt alle Angaben: Kleinteile, alte Ware und Ware aus Drittmärkten sind oft nur rudimentär gekennzeichnet.
  • Farbcodierungen sind hersteller-/händlerspezifisch und nur als Zusatzinformation zu werten, nie als alleiniger Werkstoffnachweis.

Kennzeichnung in zwei Normwelten: CE, ASME-Stempel, Bauteilstempel

CE am Bauteil. Das CE-Zeichen der Druckgeräterichtlinie gehört auf das Druckgerät oder die Baugruppe, die in Verkehr gebracht wird – nicht auf den einzelnen Flansch oder Bogen aus dem Lager. Ein „CE-Flansch“ ist deshalb kein Begriff der Richtlinie: Der Flansch ist ein Werkstoff- und Maßteil, dessen Eignung über den Werkstoff (Anhang I Nr. 4: harmonisierte Norm, Europäische Werkstoffzulassung oder Einzelgutachten) und das Zeugnis nachgewiesen wird. Trägt ein Bauteil dennoch ein CE, gehört es zu einem Druckgerät oder Ausrüstungsteil, das als Ganzes bewertet wurde.

ASME-Stempel. Die Stempel des ASME-Codes (U, UM, S, PP, A …) bescheinigen, dass ein Behälter, Kessel oder eine Rohrleitung unter Aufsicht eines Authorized Inspector nach dem Code gebaut wurde – sie stehen auf dem Typenschild der Anlage, nicht auf dem Flansch. Bauteile nach ASME B16.5 oder B16.9 tragen stattdessen die Kennzeichnung ihrer Norm: Hersteller, Werkstoffkurzzeichen (A105, WPB), Class oder Schedule, Nennweite, Schmelzennummer und das Normkürzel (B16).

Bauteilstempel beider Welten. Ein Flansch nach EN 1092-1 trägt Hersteller, Werkstoff (P250GH oder 1.0460), PN, DN, Typ, Schmelze und die Normbezeichnung; ein Flansch nach ASME B16.5 Hersteller, Werkstoffgrade, Class, NPS, Schmelze und B16. Wer beide lesen kann, erkennt die Welt am Stempel – und was dann zusammenpasst, steht auf Normwelten mischen; die Stempel der ASME-Normen erklären die ASME- und ASTM-Steckbriefe.

ASME-Flansch lesen: der Stempel nach MSS SP-25

Flansche nach ASME B16.5 tragen eine Kennzeichnung, die in den USA seit Jahrzehnten gleich aufgebaut ist – festgelegt in MSS SP-25, dem Kennzeichnungsstandard für Armaturen, Formstücke und Flansche. Wer die Reihenfolge kennt, liest den Stempel in einem Zug. Ein typisches Beispiel, Element für Element:

△ · B16 · A182 F1 · 1500 · 6 · R46 · HT 7F23

Beispielstempel eines ASME-Flansches, Element für Element (MSS SP-25)
ElementBedeutungSo lesen Sie es
△HerstellerzeichenName oder Marke des Herstellers – hier als Dreieck angedeutet. Zusammen mit der Schmelze der Schlüssel zum Zeugnis.
B16NormkürzelDie Kennzeichnung nach ASME B16.5 (bei Großflanschen B16.47). Es genügt „B16“ – die Zahl hinter dem Punkt fehlt oft.
A182 F1WerkstoffASTM-Werkstoffnorm und Grade: A182 ist die Schmiedenorm für legierte und nichtrostende Stähle, F1 der Grade (hier ein Mo-legierter Stahl). Kohlenstoffstahl trägt meist „A105“, nichtrostend etwa „A182 F316L“; „SA-“ statt „A“ heißt: nach der Boiler-Code-Fassung der Norm.
1500ClassDie Druckstufe (Class 150 bis 2500) – ein Stufenwert, kein Druck in bar oder psi.
6NPSDie Nennweite als Zollzahl ohne Einheit: NPS 6 entspricht DN 150.
R46Ring-Nut-NummerNur bei Flanschen mit Ringnut (RTJ): die R-Nummer des Ringdichtungsprofils. Fehlt sie, ist die Dichtfläche in der Regel RF – die Dichtfläche selbst wird nicht gestempelt.
HT 7F23SchmelzeSchmelzen- oder Chargenkennzeichnung (heat number) – der Weg zum Zeugnis nach EN 10204 oder dem Werks-Prüfbericht (MTR).

Was der Stempel nicht sagt

Weder die Dichtflächenausführung (RF, FF) noch der Werkstoffzustand stehen auf dem Teil; beide nennt nur das Zeugnis oder die Bestellung. Auch die Ausgabe der Norm fehlt – welche B16.5 galt, ergibt sich aus dem Lieferdatum. Und ein Stempel „B16“ macht das Teil nicht zum ASME-Code-Bauteil: Die Code-Stempel (U, S, PP) stehen auf dem Typenschild der Anlage, nicht auf dem Flansch.

Der Vergleich zum EN-Stempel

Ein Flansch nach EN 1092-1 nennt dieselben Dinge in anderer Form: Hersteller, Werkstoff als Kurzname oder Nummer (P250GH, 1.0460), PN statt Class, DN statt NPS, die Typnummer (11, 05 …) und die Schmelze. Wer PN und DN liest, hat die EN-Welt vor sich; wer eine Class und eine Zollzahl liest, die ASME-Welt. Was dann zusammenpasst, steht auf DIN/EN oder ASME beim Flansch; die Maße zum Stempel liefert die Maßtabelle ASME B16.5.

Service

Unser Teile-Identifikations-Service

Nicht jede Stempelung gibt ihr Geheimnis freiwillig preis – abgewitterte Schlagzahlen, exotische Herstellerkürzel, stillgelegte Normen. Dafür gibt es unsere Identifikationshilfe:

  • Wir lesen und interpretieren die Kennzeichnung (gern anhand von Fotos) und ordnen das Teil Norm, Bauform und Werkstoff zu.
  • Für nachweislich über uns bezogene Teile recherchieren wir über Auftrags- und Schmelzennummer das Werkszeugnis aus unserer Datenbank (Details: „Werkszeugnis 3.1 verloren – was tun?“).
  • Bei fremdbeschafften Altteilen unterstützen wir bei der Zuordnung zum Hersteller – mit den dort beschriebenen Grenzen: Zeugnisse ausstellen kann nur das Herstellwerk, und „ähnliche“ Zeugnisse gibt es bei uns grundsätzlich nicht.

Aus einer Hand beschaffen? Wie wir Projektmaterial kommissionieren, kennzeichnen und für Baustelle, Export und Langzeitlagerung verpacken, zeigt die Lösungsseite. Verpackung und Kennzeichnung

Häufige Fragen zur Kennzeichnung

Was bedeutet die Nummer auf meinem Flansch?

Häufig ist es die Schmelzennummer – der Schlüssel zum Werkszeugnis, weil sie das Teil mit der geprüften Stahlcharge verbindet. Eine einzelne Nummer sollte aber erst nach Auswertung der vollständigen Kennzeichnung eingeordnet werden – es kann sich auch um Los-, Positions- oder Typnummern handeln. Daneben finden sich üblicherweise Herstellerzeichen, Werkstoff, Norm und Baugröße (etwa DN und PN).

Wo finde ich die Schmelzennummer auf einem Rohr?

Im Kennzeichnungsaufdruck bzw. in der Stempelung, oft in Endennähe des Rohres. Bei gebündelter Kleinware steht sie gegebenenfalls nur am Etikett oder Anhänger – im Lager die fragilste Variante, denn löst sich das Etikett, ist die Zuordnung weg.

Was heißt „S“ bzw. „W“ in der Kennzeichnung?

Das ist die Herstellungsart: S steht für nahtlos, W (bzw. E/L) für geschweißt.

Woran erkenne ich, ob ein Teil nach EN oder ASME gefertigt ist?

DN/PN-Angaben deuten auf das EN-Normenwerk, NPS („Zoll“) mit Class-Angabe (150, 300, 600 …) und Schedule-Wanddicken auf ASME/ASTM. Diese Unterscheidung ist der erste und wichtigste Schritt jeder Identifikation, denn die Systeme sind nicht einfach umrechenbar.

Die Stempelung ist kaum noch lesbar – was kann ich tun?

Zuerst Streiflicht und Makroaufnahme beim Fotografieren. Hilfsmittel wie Kreide oder Bleistift-Abrieb nur nach Freigabe und geprüfter Werkstoffverträglichkeit – in Edelstahl-, Sauerstoff- und Reinstanwendungen können Rückstände Kontaminationsrisiken verursachen. Auf keinen Fall schleifen oder nachschlagen – das zerstört im Zweifel genau die Information, die man braucht. Gern können Sie ein Foto an unseren Identifikations-Service senden.

Mein Teil hat gar keine Kennzeichnung – ist es unbrauchbar?

Für dokumentationspflichtige Anwendungen fehlt damit der Nachweis. Die Optionen sind die Rekonstruktion über Auftragsunterlagen oder eine nachträgliche Werkstoffprüfung bzw. PMI am Teil.

Was ist ein Abnahmestempel?

Das Zeichen eines unabhängigen Prüfers bzw. einer Abnahmegesellschaft, das die Bezeugung der Prüfungen dokumentiert – zum Beispiel bei 3.2-Abnahmen nach DIN EN 10204.

Darf ich eine Kennzeichnung selbst auf ein abgeschnittenes Stück übertragen?

Nur im Rahmen eines geregelten, bezeugten Verfahrens – sonst reißt die Rückverfolgbarkeit ab. Dafür gibt es das zertifizierte Umstempeln: das kontrollierte Übertragen der Kennzeichnung vor dem Trennen.

Was bedeutet „B16“ auf einem Flansch?

Das Normkürzel der ASME-Flanschnormen (B16.5 bis NPS 24, B16.47 darüber) nach dem Kennzeichnungsstandard MSS SP-25 – der Flansch ist nach ASME-Maßen gefertigt. Daneben stehen Hersteller, Werkstoffgrade (A105, A182 F316L), Class, NPS, bei Ringnut die R-Nummer und die Schmelze. Es ist kein Code-Stempel: ob ein Druckgerät nach ASME-Code gebaut ist, sagt das Typenschild der Anlage.

Teil identifizieren lassen

Stempelung unklar, Herstellerkürzel exotisch, Norm stillgelegt? Senden Sie uns ein Foto der Kennzeichnung – wir ordnen das Teil Norm, Bauform und Werkstoff zu.

Ihre Anfrage an Zickwolff

Senden Sie uns, was Sie haben – Bezeichnung, Norm, Menge, Termin. Den Rest klären wir mit Ihnen.

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Fachliche Grundlage: DIN EN 10204, DIN EN 1092-1, DIN EN 10253-2, EN 10216/10217, ASME/ASTM-Normenwerk. Angaben ohne Gewähr – die Pflichtangaben regelt die jeweilige Produktnorm; maßgeblich sind stets die aktuellen Normtexte und die technischen Datenblätter des Herstellers.

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